Ingrid Sehrbrock

Stellvertretende Vorsitzende des deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB)

Die Akzeptanz von Wissenschaft und Technik durch ArbeitnehmerInnen ist notwendige Voraussetzung des wirtschaftlichen und sozialen Strukturwandels. Denn wissensbasierte Tätigkeitsbereiche in Produktion und Dienstleistung nehmen vehement zu. Arbeit wandelt sich von einer ausführenden zu einer regulierenden und steuernden Tätigkeit.

Wissen wird somit auch zum notwendigen Erklärungszusammenhang, reichert Informationen mit Erfahrung, Kontext, Interpretation und Reflexion an.

Seit Jahren ist bekannt: Wissen wird nicht mehr einmal im Leben im Rahmen einer Ausbildung angeeignet. Es muss vielmehr kontinuierlich revidiert und ergänzt werden. Zugleich ist es nie vollständig, sondern mit Nichtwissen verbunden, was zu neuen Risiken im Arbeitsprozess führt. Denn Routinen werden in Frage gestellt, Strukturen aufgelöst, vertraute Arbeitsbeziehungen auseinander gerissen. Gefragt ist die Fähigkeit, mit wechselnden Anforderungen zurechtzukommen, Handlungs- und Entscheidungsmöglichkeiten zu nutzen, mit verschiedenen Leuten in wechselnden Teams oder Projektgruppen zusammenzuarbeiten.

Es ist eine offene Frage, inwieweit auch Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, BetriebsrätInnen und Gewerkschaften Zugang zum Wissenschaftssystem erhalten und wie eine Beteiligung am Prozess der Wissensproduktion institutionalisiert werden kann.

Aufgabe von Kooperationsstellen ist es nach ihrem eigenen Verständnis, dialogische Verfahren vorzuschlagen, zu organisieren und zu moderieren, die eine Beteiligung gewerkschaftlicher und betrieblicher AkteurInnen an der Forschung ebenso ermöglichen, wie eine Beteiligung von WissenschaftlerInnen an der praktischen Veränderung der Wirklichkeit vor Ort.“

Anders ausgedrückt: die Gewerkschaften würden ohne Kooperationsarbeit nicht nur im „eigenen Saft“ schmoren ohne Impulse von außen und die Hochschulen würden ihrer Verantwortung gegenüber der Gesellschaft nicht gerecht, wenn sie nicht wenigsten über die Kooperation ihre „Bringschuld“ gegenüber den abhängig Beschäftigten einlösten. Je größer die gewerkschaftlichen Organisationseinheiten in der Fläche werden, umso stärker sind sie auf die Unterstützung durch Kooperationsstellen angewiesen. So können Betriebs- und PersonalrätInnen sich neue und erweiterte Perspektiven erarbeiten, wenn sie die Kooperationsstellen als MittlerInnen annehmen, weil sie darauf vertrauen können, dass die Kooperationsstellen diese Rolle ausfüllen.

Für den DGB und seine Gewerkschaften sind sie also von Bedeutung, weil wir auf die Aus- und Verwertung wissenschaftlich erarbeiteter Arbeitsergebnisse angewiesen sind, wenn wir als Organisationen, ebenso wie die betriebliche Interessenvertretung – also die Betriebs- und Personalräte – unseren Aufgaben gerecht werden sollen.

Für Hochschulen sind sie von Bedeutung, weil sie den Lehrenden und Forschenden aber auch den Studierenden die notwendigen Praxisbezüge für ihre Arbeit herstellen. Damit können sie Veränderungen der Arbeitswelt aufnehmen und vor dem Hintergrund theoretischer Überlegungen und von Forschungsergebnissen reflektieren.

Aus meiner Sicht brauchen die ArbeitnehmerInnen die Kooperation, wenn sie zusammen mit den Gewerkschaften ihre berechtigten Interessen durchsetzen wollen. Deshalb sind DGB und Gewerkschaften gut beraten, die Kooperationsarbeit weiter zu verbessern und voran zu bringen. Deshalb bräuchten wir eigentlich viel mehr Kooperationsstellen. Nicht überall ist das Netz so dicht geknüpft wie in Niedersachsen. Im Gegenteil: In vielen Bundesländern haben wir keine Kooperationsstellen. Die Einrichtung von Kooperationsstellen war seinerzeit (1987) ein wichtiger Schritt zur wechselseitigen Öffnung von Hochschulen und Gewerkschaften. Heute geht es leider mehr um ihren Erhalt denn um einen Ausbau. Viele Hochschulen stellen angesichts ihrer finanziellen Situation eher die Frage. „Wozu brauchen wir so was“ als dass sie Kooperation als Beitrag zur Wahrnehmung ihrer gesellschaftspolitischen Verantwortung betrachten. Deshalb werden wir uns auch in Zukunft um den Erhalt der Kooperationsstellen bemühen und versuchen, weitere aufzubauen.

(2010)